Rollentausch

Welche Herausforderungen bringt ein Rollentausch mit?

Vielleicht hast auch du bereits einen Rollentausch vollzogen und euer Kind wird nun zu größeren Teilen von deinem Partner, deiner Partnerin betreut. Welche Erfahrungen machst du damit? Vielleicht überlegst du aber auch gerade, wie ihr zukünftig die Betreuung des Kindes unter euch aufteilen wollt. Oder es ist für dich klar, dass ihr die traditionelle Rollenverteilung leben wollt, in der die Mutter die Hauptbetreuung des Kindes übernimmt. Jedes Modell der Rollenverteilung ist machbar. Die Frage ist nur, ob es zu dir und zu euch passt. Nach meiner eigenen Erfahrung findet man das meist auch erst unterwegs heraus. Bei unserem dritten Kind haben wir uns sehr genau überlegt, wie wir die Elternzeit aufteilen möchten und wer von uns wie viel Betreuungsarbeit leistet. Aufgrund unserer Erfahrungen mit den anderen beiden Kindern wussten wir nun, was zu uns passt. Aber auch wenn du das passende Modell gefunden hast, bringt die Umsetzung spezielle Herausforderungen mit sich. Im Fall eines Rollentausches müssen sich alle Beteiligten an die neue Situation gewöhnen. Da ist erst einmal deine Geduld gefragt. Das Kind wird am Anfang vermehrt nach dem bisher hauptsächlich betreuenden Elternteil verlangen. Das gilt es auszuhalten. Die Trauer, Wut etc. des Kindes darf sich zum Ausdruck bringen. Sie gehört zu diesem Prozess dazu. Es ist ein bisschen wie die Eingewöhnung des Kindes im Kindergarten, die geht auch nicht von jetzt auf gleich. Um diesen Prozess gehen zu können, hilft Vertrauen. Vertrauen in den Partner und Vertrauen in das Kind. In ihrem 2020 erschienen Buch „Wieviel Mutter braucht ein Kind?“ stellt die Entwicklungspsychologin und Bindungsforscherin Lieselotte Ahnert die Frage: Inwieweit lässt die Mutter die Betreuung des Babys durch den Vater zu? Sie schreibt, dass Mütter, die ihrem Mann die Kompetenz absprechen, sich angemessen um das Baby zu kümmern, dadurch das väterliche Engagement verhindern (vgl. Ahnert 2020: 91-93). Da geht es also um deine innere Haltung. Kannst du deinem Partner, deiner Partnerin wirklich zeitweilig die Verantwortung für euer Kind überlassen, ohne zehnmal in der Stunde anzurufen oder ihm/ihr bis ins kleinste Detail Vorgaben zu machen? Von mir selbst kenne ich diesen Hang dazu sehr gut. Mein Mann soll sich um unser Baby kümmern, aber bitte genau so, wie ich mir das vorstelle. Gerade wenn das Baby noch klein ist, fällt es als Mutter oft besonders schwer, es aus der Hand zu geben und sei es nur an den Partner. Mir hilft es dann, wenn wir verbindliche Absprachen darüber getroffen haben, was uns jeweils im Umgang mit unserem Kind wichtig ist.

Was kann dir bei einem Rollentausch helfen?

  • Habe Geduld! Veränderungsprozesse benötigen immer Zeit. Am besten plant ihr eine Übergangszeit dafür ein, so wie die Eingewöhnungszeit für den Kindergarten. Alle Beteiligten müssen sich erst in die neue Situation einfinden. Dass es anfangs nicht so läuft, wie du dir das vorgestellt hast, ist normal und kein Grund zur Verzweiflung. Also wenn Panik in dir aufsteigt und du dich fragst, ob das alles so eine gute Idee war mit dem Rollentausch, atme erst einmal tief durch. Mache dir bewusst, dass du dir die Entscheidung reiflich überlegt hast und warte ein paar Wochen ab, wie sich die Situation entwickelt.
  • Lass Trauer zu! Zu einer solchen Veränderung gehört immer auch die Trauer dazu. Dein Kind wird wahrscheinlich traurig oder wütend sein, vermehrt Aufmerksamkeit einfordern oder sonst ein auffälliges Verhalten zeigen. Wenn diese kindliche Reaktion nur vorübergehend ist (also nicht über Wochen und Monate hinweg), stellt sie eine gesunde Reaktion auf euren Rollentausch dar. Nimm diese Reaktion deines Kindes wahr und schau, was ihm helfen kann. Du wirst intuitiv spüren, was es braucht. Aber auch bei dir kann Trauer aufkommen. Auch wenn der Rollentausch für dich passend ist, musst du dein Baby nun schon ein Stück weit loslassen. Gerade als Mutter ist das schwer. Andere in deiner Umgebung warten damit womöglich, bis ihr Kind in den Kindergarten kommt. Auch deine eigene Trauer ist eine gesunde Reaktion auf euren Rollentausch. Lass sie zu.
  • Reflektiere deine innere Haltung! Wann sprichst du deinem Partner, deiner Partnerin die Kompetenz ab, sich angemessen um euer Kind zu kümmern? Darf er oder sie es nach eigenem Gutdünken machen? Schau in dich hinein und nimm wahr, ob du Ängste hast, dass dein Partner, deine Partnerin an bestimmten Stellen nicht so mit eurem Kind umgeht, wie du das willst. Besprecht eure Befürchtungen miteinander.
  • Trefft gemeinsame Absprachen! Wenn ihr eure Befürchtungen oder eure Prioritäten im Umgang mit dem Kind besprochen habt, trefft verbindliche Absprachen. Das ist wie ein Vertrag, den ihr schließt. Ihr steckt damit einen gewissen Handlungsrahmen ab. Für mich ist es z. B. eine wichtige Absprache, dass mein Partner mit unserem Baby zu mir kommt (wenn ich zu Hause arbeite), wenn es mich wirklich braucht.
  • Baut Vertrauen zueinander auf! Wage den Rollentausch! Bleibe mit deinem Partner, deiner Partnerin im Gespräch. Korrigiert, falls nötig, eure Absprachen und traue deinem Partner, deiner Partnerin zu, dass er/sie in die neue Rolle hineinwächst.

Hinterlasse gern einen Kommentar. Hast auch du bereits einen Rollentausch vollzogen? Welche Erfahrungen hast du damit gemacht? Was hat dir dabei geholfen?

Wenn du mehr von der Entwicklungspsychologin und Bindungsforscherin Lieselotte Ahnert lesen möchtest, dann empfehle ich dir ihr Buch oder die nachfolgenden Interviews:

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